Die strukturierte Interviewphase – Kompetenzen des Bewerbers prüfen

Ein wichtiger Teil eines Kandidateninterviews zielt darauf ab, allgemeine Einstellungen und die Motivation des Bewerbers* zu erkennen. Daraus kann abgelesen werden, ob diese mit den Merkmalen und Anforderungen der zu besetzenden Stelle übereinstimmen.

Des Weiteren gewinnt ein gut geführtes Interview mit schlau gestellten Fragen an Bedeutung, wenn es darum geht, die sogenannte Candidate Experience zu verbessern. Der Bewerber muss hier in Zeiten des „War for Talent“ durchaus als Kunde und Multiplikator für die Arbeitgebermarke gesehen und genutzt werden. Daher ist es wichtig, durch ein gutes Interviewerlebnis auf Seiten des Kandidaten einen professionellen Eindruck vom potentiellen Arbeitgeber zu vermitteln.

Die nachfolgenden Fragenkomplexe sollen insofern ein erstes sinnvolles Hilfsmittel sein, um ein akzeptables Interview zu führen und insbesondere die wesentlichen Charaktereigenschaften sowie Soft-Skills eines Kandidaten abzuprüfen. Diese Fragen lassen sich problemlos in einen vorhandenen Interviewleitfaden einbetten.

Kompetenzfaktoren – Gruppe 1

  • Grundsätzlich Einstellung
  • Persönliche Grundhaltung
  • Charakterfestigkeit
  • Externe „Umfeldmotivation“

Die nachstehenden Fragen geben Hinweise darauf, was positiv und was negativ ist:

  • Welchen Beruf hat Ihr Partner? Welche Bedeutung hat der Beruf Ihres Partners für Sie?
  • Wie alt sind Ihre Kinder (ggf. Ausbildung)?
  • Welche besonderen Verpflichtungen haben Sie am derzeitigen Wohnort (Vereine etc.)?
  • Wie reagiert Ihre Frau (Ihr Mann, Lebenspartner) auf die neue berufliche Situation? Wie würde diese/r Ihre Anstellung bei uns finden?
  • Wie reagieren Sie, wenn Druck “von oben” kommt?

Positiv ist z.B.:

  • Die Einstellung des Partners wird als wichtig in allen Bereichen des Lebens empfunden.
  • Klare Führung durch Vorgesetzte wird als gut empfunden.
  • Das Selbstwertgefühl ist/bleibt offensichtlich hoch.

Negativ sind:

  • Bemerkungen, die darauf schließen lassen, dass der Lebenspartner den Beruf nicht gut oder nicht attraktiv findet und sich der Kandidat davon beeinflussen lässt. Der Bewerber ist „allergisch“ gegen alles, was von oben kommt. Das Selbstwertgefühl scheint niedrig.

 

Kompetenzfaktoren – Gruppe 2

  • Eigenverantwortlichkeit
  • Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein
  • Motivation & Leistungsdrang
  • Selbstreflexion & Wahrnehmung

Folgende Fragen können Sie in Bezug auf die oben genannten Kompetenzfaktoren stellen:

  • Welche Erfolge konnten Sie in Ihrer bisherigen Tätigkeit aufweisen? Worauf sind diese Erfolge zurückzuführen?
  • Welche Misserfolge haben Sie erlitten? Worauf sind Ihrer Meinung nach Ihre Misserfolge zurückzuführen?
  • Welche besonderen Verantwortlichkeiten haben Sie bislang während Ihrer Ausbildung/Ihrer beruflichen (oder außerberuflichen) Tätigkeit übernommen? Was hat Sie dazu bewogen – was war/en Ihre Ziele/ Motivation? Wie wurden Ihre Leistungen von Ihren Vorgesetzten beurteilt?
  • Bitte schildern Sie einige der wichtigsten Herausforderungen, die Sie in Ihrem beruflichen Leben hatten.
  • Bitte nennen Sie einige der schwierigsten Probleme, die Sie in Ihrer Laufbahn zu meistern hatten. Was waren das für Probleme? Wie sind Sie bei der Lösung vorgegangen?
  • Was sind Ihre persönlichen Erfolgsfaktoren? Mit welchen von Ihren Eigenschaften und Fähigkeiten haben Sie bisher Ihre Erfolge realisiert?
  • Worauf bzw. auf welche Eigenheiten von Ihnen ist es zurückzuführen, dass Sie gelegentlich Ihre Ziele nicht erreichen? Welche Ziele waren dies? Wie gehen Sie heute mit diesen Eigenschaften um?
  • In welchen Bereichen schätzen Sie Ihre Fähigkeiten als überdurchschnittlich ein? Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung? Was glauben Sie, wie werden Sie von Ihren Kollegen eingeschätzt?

Positiv ist z.B.:

  • Der Kandidat hat sich seine Aufgaben eigenständig gesucht und ist proaktiv sowie strukturiert an diese herangegangen.
  • Der Bewerber kennt seine Stärken und Schwächen, diese stimmen mit dem Fremdbild idealerweise überein. Stärken werden gezielt eingesetzt.
  • Die Schwächen sind dem Bewerber bekannt und er ist bemüht, diese Eigenschaften zu verbessern.

Negativ ist z.B.:

  • Äußerungen, die darauf schließen lassen, dass der Gesprächspartner die Verantwortlichkeiten gerne in sein Umfeld verlagert und/oder er an Glück oder Zufälle glaubt bzw. denkt, es sind im Wesentlichen andere Mächte, denen er ausgeliefert ist, wie Vorgesetzte, Umstände usw.
  • Es werden lediglich Floskeln genannt, es gibt keine richtige Grundlage bzw. kein Beispiel, welches eine Behauptung (Stärke/Schwäche) bestätigt.

 

Kompetenzfaktoren – Gruppe 3

  • Kontaktfähigkeit
  • Auftreten
  • Einfühlungsvermögen

Folgende Fragen können Sie stellen, um oben genannte Kompetenzen zu identifizieren:

  • Welche Erfahrung haben Sie im Umgang mit anderen Menschen?
  • Welche Erfahrungen haben Sie in Teamarbeit gesammelt?
  • Welche Position nehmen Sie gerne in einem Team ein und warum?
  • Sind jemals bei Teamarbeiten Konflikte aufgetreten? Wenn ja, welche Auswirkungen haben diese Konflikte gehabt? Wie war Ihr Verhalten in diesen Konflikten? Was waren die Auswirkungen Ihres Verhaltens?
  • Mit welcher Grundhaltung gehen Sie auf Menschen zu?
  • Haben Sie den Eindruck, dass Sie von anderen Personen richtig eingeschätzt werden?
  • Haben Sie Tätigkeiten ausgeführt, in denen es notwendig war, sich intensiv auf andere Personen einzustellen (z.B. Verkauf, Telefondienst, Kundenschulungen etc.)? Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht? Hatten Sie daran Spaß?
  • Bitte schildern Sie Ihre Erfahrungen mit Ihrem letzten Vorgesetzten.

Positiv ist z.B.:

  • Der Kandidat agiert sehr offen gegenüber anderen Personen und hat an entsprechender Interaktion viel Freude.
  • Im Team und in Gesellschaft wird gerne auch Verantwortung übernommen, der Kandidat bringt sich aktiv ein.
  • Der Kandidat geht unvoreingenommen auf andere Menschen zu und bemüht sich, sein Umfeld positiv zu gestalten, unabhängig von persönlichen, ggf. negativen, Eigenschaften eines Gegenübers.

Negativ sind:

  • Alle Äußerungen, die darauf schließen lassen, dass der Bewerber ungern Kontakt mit anderen Menschen hat, häufig kleinere oder größere Probleme im Umgang mit Vorgesetzten, Freunden, Familienmitgliedern oder Kunden hat.

 

Kompetenzfaktoren – Gruppe 4

  • Einsatzfreude
  • Statusmotivation
  • Systematik
  • Initiative

Folgende Fragen können Sie zu den oben genannten Kompetenzen stellen:

  • Haben Sie in Ihrer beruflichen Laufbahn eine sehr schwere oder besonders fordernde Tätigkeit ausgeübt (z. B. handwerklich schwere Arbeiten wie „Hilfsarbeiten“, Arbeiten in der Landwirtschaft oder ähnliches bzw. monotone Arbeit)? Wie sind Sie sind Sie damit umgegangen?
  • Was sind Ihre persönlichen Ziele? Wie haben sich diese Zielsetzungen im Lauf Ihres beruflichen Werdeganges / Ihrer Ausbildung verändert?
  • Haben Sie für irgendwelche besonderen Leistungen Prämien, Pokale, Auszeichnungen erhalten (Beruf, Sport)? Wie war das für Sie? Warum hat es ggf. nicht geklappt?
  • Wie sind Sie bei der Stellensuche / Suche nach Ferienjobs etc. vorgegangen?
  • Welche selbständigen Tätigkeiten haben Sie in Ihrem Beruf bislang ausgeführt?
  • Welche neuen Fertigkeiten / Kenntnisse haben Sie sich im letzten Jahr angeeignet?
  • Welche Fertigkeiten / Kenntnisse wollen Sie sich als nächstes aneignen?
  • Wo sehen Sie noch wichtige Entwicklungsnotwendigkeiten für sich? Wie werden Sie vorgehen, um diese erforderlichen Weiterentwicklungen voranzutreiben?
  • Wie planen Sie normalerweise Ihre beruflichen Aufgaben?

Positiv sind z.B.:

  • Der Gesprächspartner stellt sich gerne Herausforderungen, auch wenn diese nicht sonderlich „attraktiv“ sind bzw. persönliche Anstrengung bedingen.
  • Der Kandidat gibt zu erkennen, dass er eigenständig motiviert ist, um im Leben etwas zu erreichen („Gewinnen“, Weiterentwicklung, persönliche Ziele etc.).
  • Kandidat kann klar und strukturiert die persönliche Herangehensweise auch im Zusammenhang mit vermeintlich einfachen Aufgaben erläutern und bearbeitet Aufgaben in einer eigenen Systematik.

Negativ sind:

  • Alle Äußerungen, die darauf schließen lassen, dass der Gesprächspartner nicht sonderlich an seinem Fortkommen interessiert ist.
  • Aussagen, die darauf schließen lassen, dass der Kandidat wenig strukturiert an Aufgaben herangeht.
  • Aussagen, welche eine eingeschränkte Motivation bei „weniger attraktiven Aufgaben“ erkennen lassen oder aber die „Unlust“, sich Herausforderungen zu stellen (Teilnahme an Wettbewerben etc.)

 

Kompetenzfaktoren – Gruppe 5

  • Misserfolgstoleranz
  • Kritikstabilität
  • Emotionale Grundhaltung
  • Selbstsicherheit
  • Flexibilität
  • Arbeitszufriedenheit

Folgende Fragen können Sie zu den genannten Bereichen stellen:

  • Bitte schildern Sie Situationen, in denen Sie in Stress geraten sind. Welche Situationen waren dies? Wie haben Sie sich motiviert?
  • Sind Sie von Vorgesetzten oder Kunden schon einmal unter Druck gesetzt worden? Wie haben Sie darauf reagiert?
  • Bitte schildern Sie aus Ihrem beruflichen Leben zwei Situationen, bei denen totale persönliche Umstellung von Ihnen gefordert wurde. Wie haben Sie sich damit zurechtgefunden?
  • Wie reagieren Sie, wenn Ihre Ausarbeitungen umgeworfen werden und alles neu gemacht werden muss?

Positiv sind z.B.:

  • Kandidat behält trotz persönlichem Stress die Ruhe und versucht, die sachlichen Aspekte zu betrachten und/oder die Gesamtsituation als Herausforderung zu begreifen.
  • Beim Druck durch den Vorgesetzten oder Kunden versucht der Gesprächspartner deren Rolle und Verhalten zu verstehen, es wird nicht versucht, alles auf den Vorgesetzten/Kunden zu schieben.
  • Änderungen und persönliche Flexibilität – auch bei notwendigen 180° Drehungen – gehören zum Alltag, wichtig ist, dass der Bewerber die Situation als Lerneffekt oder als neue Aufgabe annimmt und sich nicht widersetzt. Er versucht hingegen erneut sein Bestes zu geben.
  • Der Kandidat nimmt Kritik an ohne persönlich in ein „Loch zu fallen“, wenn seine Arbeitsergebnisse nicht passen oder umgeworfen werden. Er sieht Kritik als Chance sich zu verbessern.

Negativ sind:

Alle Äußerungen des Gesprächspartners, die darauf schließen lassen, dass er unter Umfeldbedingungen doch sehr zu leiden hat, dass andere ihm manchmal böse mitspielen, dass immer wieder Unmenschen auftauchen, die ihm einen Knüppel zwischen die Beine werfen.

 

Gibt es weitere sinnvolle Fragen oder Fragenkomplexe? Lassen Sie es uns wissen, und fügen Sie einen Kommentar hinzu. Ich freue mich darauf!

 

*Zur Vereinfachung ist hier keine Unterscheidung bei den Geschlechtern vorgenommen worden. Natürlich sind im Text immer alle Geschlechter gemeint.

 

Kommentar hinterlassen